Borgward Route 66 in der Presse

Weser Kurier Bericht vom 11.12.2017


Die Reise seines Lebens

 11.12.2017
Borgward
Unendlich Weiten, unzählige Kilometer: Zusammen mit seinem Begleiter ist Thilo Kugel fast 9000 Kilometer durch Amerika gefahren. (Thilo Kugel)

Irgendwo im Nichts ist der Reifen der Isabella plötzlich platt. Thilo Kugel kann so nicht weiterfahren, aber keine Werkstatt ist in der Nähe. Der Bremer ist mit seinem Oldtimer unterwegs auf der berühmten Route 66 und mitten im Gebiet der Navajo. An einer Tankstelle bekommt er immerhin einen Tipp: Neun Meilen entfernt gebe es einen Indianer, der ihm helfen könne. Ein bisschen unheimlich ist Kugel in der verlassenen Landschaft zumute, denn es wird dunkel, es gibt keine Schilder, keine Orientierung: „Da war sonst nichts.“

Zusammen mit Teams aus Deutschland, Belgien und Großbritannien hat Thilo Kugel sich auf eine Abenteuerreise durch Amerika aufgemacht – von Küste zu Küste, von New York bis Los Angeles. 8800 Kilometer Strecke liegen vor ihnen. Zurück in seiner Heimat erinnert sich Kugel an die Begegnung mit einem Navajo besonders gerne.

Fotostrecke: Verborgene Borgwards

Neun Meilen von der Tankstelle entfernt stößt der 56-Jährige tatsächlich auf den Indianer und seinen Camper. Eine Taschenlampe und ein Stromaggregat geben für die Reparatur seiner Isabella Licht. Das Werkzeug ist alt, aber am Ende ist der platte Reifen geflickt. Herausforderungen wie diese haben für Kugel die besondere Tour durch Amerika ausgemacht: „Die Reise hat alle Erwartungen deutlich übertroffen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr toppen kann. Das ist die Reise meines Lebens.“

Insgesamt 13 Borgwards aus Europa und zwei Borgwards aus Amerika sind gemeinsam unterwegs – das erfordert einen guten Plan. Morgens geht es für die jeweils zwei Fahrer oft schon um 5.30 Uhr los, um die Etappen überhaupt zu schaffen und wie geplant alle Sehenswürdigkeiten auf der ­Strecke zu sehen. Nur an drei Tagen stehen die Motoren still. Urlaub sei das nicht gewesen.

„Wir wollten das Außergewöhnliche: Wir machen etwas, das es vorher noch nie gegeben hat. Das hat den Reiz ausgemacht. Da fahren zusammengerechnet 1000 Jahre Borgward quer durch die ganzen Vereinigten Staaten.“ Schaffen die Oldtimer die ­Reise? Das ist ein Risiko. Schließlich haben sie alle ein stolzes Alter.

Etappen dauerten schnell doppelt so lang

Das Reisen in der Kolonne sei dabei nicht leicht. „An der Ampel verliert man sich, immer wieder muss einer Kaffee trinken, zur Toilette oder tanken. Das kostet alles Zeit. Die Etappen dauerten schnell doppelt so lang wie geplant.“ Über Funk verständigen sich die Teams. Weil die Route 66 nicht durchläuft, nicht immer ausgeschildert und von Highways durchkreuzt ist, sei es wichtig gewesen, die Karte gut zu lesen und das Navi gut zu bedienen.

Hunderte Meilen durchs Land habe es manchmal einfach nichts gegeben, aber auch verlassene Orte, kaputte Straßen oder arme Gebiete. Kugel sieht Amerika heute mit anderen Augen: „Die Großstädte kennt man: New York, ­Chicago, Los Angeles. Das, was dazwischen ist, das ist das Interessante an dieser Reise gewesen. Das ist das wirkliche Amerika. Die Route 66 ist nicht nur Sonnenschein und Ferienparadies.“

20171030-KKL_3953.jpg
Zurück in Bremen. Doch Thilo Kugel denkt noch jeden Tag an die Abenteuerreise auf der Route 66 mit seiner Isabella. (Karsten Klama)

Kleine Pannen habe jeder Wagen gehabt: Probleme mit der Wasserpumpe, der Lichtmaschine oder Lecks. „Viele Tachos sind auf der Strecke geblieben.“ Kugel hat wegen seiner Pannen bald einen Spitznamen: „Ich wurde liebevoll der tireman (Reifenmann) genannt.“ Insgesamt gab es nur acht platte Reifen in der Runde. Kugel hat gleich drei davon – ein Rekord. 2000 Kilometer nach der Begegnung mit dem Navajo ist der Reifen wieder kaputt.

Worüber unterhält man sich auf 8800 Kilometern?

Besonders die Hitze habe den Oldtimern und den Fahrern zu schaffen gemacht. „Wir haben Temperaturen, die an die 40 Grad kamen. Das ist für Mensch und Maschine viel. Wir haben genauso geschwitzt wie der Motor.“ Nur in einem Oldtimer gab es eine Klimaanlage. Die verringere aber schließlich die Leistung des Motors. „Es war heiß, aber ich habe die PS lieber beim Auto gesehen. Geschwitzt hätten wir sowieso.“ Darum muss es altmodisch gehen, mit heruntergekurbeltem Fenster.

Unterwegs auf einem Mythos aus Asphalt – worüber unterhält man sich auf den 8800 Kilometern? Kugel und sein Beifahrer Daniel Kalkbrenner sind Kollegen und entscheiden sich, auf jeden Fall nicht über die Arbeit zu sprechen. Die andauernde Hitze von 30 bis 35 Grad entscheidet den Rest: „Wir haben uns nicht stundenlang Geschichten erzählt. Unsere Fenster waren fast permanent geöffnet. Gegen die Lautstärke anzuschreien, ist anstrengend.“

Borgward Isabella Cabrio aus dem Jahr 1959
Carl F.W. Borgward an einem seiner Fahrzeuge
 Im Juni 1954 wurde das Erfolgsmodell der Borgward-Werke erstmalig vorgestellt: die schöne "Isabella". Im Januar 1955 wu
Das Erfolgsmodell von Borgward: "Isabella"
Fotostrecke: Borgward - Bremens legendäre Automarke

Also konzentrieren sich Kugel und Kalkbrenner auf die Strecke. Die ist teils jedoch sehr monoton. Über Stunden geht es manchmal immer nur geradeaus: „Mein Beifahrer hat einmal gesagt: Mensch, jetzt könnte mal wieder eine Kurve kommen.“ Im Schnitt sind die Oldtimer mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometer pro Stunde unterwegs – zu langsam für die Brummis.

„Wir wurden von Schwertransportern überholt. Das ist in Europa undenkbar. In Amerika sind sie sehr schnell und überholen einen rücksichtslos.“ Grand Canyon, eine Pilotenschule in Arizona, die als Niederlassung der Verkehrsfliegerschule in Bremen entstand, das Borgward Welttreffen: 5800 Fotos schießt Kugel. Es gibt einen Blog für Borgward-Fans in der ganzen Welt. Dafür braucht es Bilder und Geschichten.

Vielfalt der Landschaft

Doch einige Momente ließen sich eben nur vor Ort erleben – wie der Besuch des Grand Canyon. „Die Schönheit der Natur dort ist in Worten und mit Bildern nicht zu beschreiben.“ Der Blog ist außerdem eine Gedächtnisstütze. Denn schon nach wenigen Tagen können Kugel und sein Beifahrer Kalkbrenner sich nicht mehr an alle Erlebnisse erinnern. „Jeden Tag kam so viel Neues dazu. Denn während der Reise kann man nicht anhalten, man muss immer weiter und weiter.“

Kugel war in New York, Boston oder Detroit bereits beruflich unterwegs. Vor allem die Vielfalt der Landschaft hat ihn bei der Tour über 8800 Kilometer beeindruckt: Von tiefen Wäldern sei es östlich von Chicago ins Farmland ähnlich der Gefilde in Niedersachsen gegangen. „Nur viel viel größer.“ Dann Prärie, Steppe und kaum noch Bäume. „Und plötzlich ist man in der Wüste.“ Eigentlich wollte er die Reise erst mit 66 Jahren unternehmen. „Das war ein Lebenstraum: die 66 mit 66.“

In Manhattan traf die Runde jemanden, der vielleicht noch an einem der Borgward gearbeitet hat. Hermann Buchholz hat im Bremer Unternehmen seine Lehre gemacht und ist vor 62 Jahren in die USA ausgewandert. Über den Blog erfuhr er von der Reise. Zusammen mit seinem Sohn Scott besuchte er die Abenteurer im Hotel. Immer wieder sprachen auch Fremde sie an, was das denn für Autos seien. Andere hätten die Oldtimer erkannt: „This must be a Borgward.“

Überfahrt dauerte 38 Tage

Die Stimmung unter den Abenteurern sei besonders gewesen. Darum überlegen einige Teilnehmer, bald gemeinsame Reisen in Belgien und Großbritannien zu planen, dann durch Europa und Richtung China. „Wenn es Probleme mit den Autos gab, packte jeder mit an. Das macht eine solche Reise aus.“ Schon das Tanken sei eine Herausforderung gewesen: „Wie kompliziert man einen Tankvorgang gestalten kann, ist unglaublich. Das hat manchmal schon eine halbe Stunde gedauert.“ Drei Niedersachsen sind neben dem Bremer dabei.

Für Kugels Isabella war die Reise eine kleine Heimreise. Sein Wagen wurde ursprünglich für den amerikanischen Markt gebaut und war dort 30 Jahre im Einsatz. Mittlerweile fahren in den USA ganz andere üppige Modelle. Kommt man sich da neben den SUV und Lkw klein vor? „Das ist am Anfang tatsächlich ein bisschen erdrückend – zumal wir sehr flach sitzen.“

Ende August gingen die Oldtimer aus Belgien, Großbritannien und Deutschland auf die Reise. Ende November hat Thilo Kugel sein Auto zurückbekommen. 38 Tage dauerte die Überfahrt des Schiffs „Tijuca“ diesmal von der Westküste durch den Panamakanal und zurück nach Europa nach Bremerhaven. Die Erlebnisse der Reise sind für Thilo Kugel bis heute jeden Tag gegenwärtig: „Ich wache morgens auf und der erste Gedanke ist: Wie viele Meilen heute?“

© WESER-KURIER digital

https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-die-reise-seines-lebens-_arid,1678918.html


Weser Kurier Bericht vom 05.07.2017

Im Borgward von Küste zu Küste

Mit der Isabella auf der Route 66

von Lisa Boekhoff - 05.07.2017

 

Bremen Borgward Thilo Kugel

8000 Kilometer will Thilo Kugel mit seiner Isabella (oben) durch die USA reisen. Auf dieser Karte hat er seine geplante Route dargestellt. (frei / Thilo Kugel)

In seiner Isabella will der Bremer Thilo Kugel mit anderen Borgward-Oldtimern auf der Route 66 fahren, von New York bis Kalifornien. 8000 Kilometer wollen sie in ihren Schmuckstücken bewältigen.

 

Für ein Schmuckstück ist die Isabella eigentlich etwas zu groß. Wertvoll, elegant und ein Hingucker ist sie jedoch ohne Zweifel. „Sie ist ein Juwel“, sagt Thilo Kugel über seinen Wagen. Vor sechs Jahren hat der Bremer das Coupé gekauft. „Die Nachbarskinder fragten damals, was das denn für ein Schrotthaufen sei“, erinnert er sich.

3. Teufelsmoor-Klassik
Thilo Kugel hinterm Steuer seiner fast 60 Jahre alten Isabella. (MILENA SCHWOGE)

Doch Thilo Kugel war schon damals begeistert – trotz der Beulen, trotz des Rosts. Der 55-Jährige hat mit seiner Isabella in diesem Herbst Großes vor: Zusammen mit anderen Borgward-Oldtimern will er auf der Route 66 fahren, von New York bis Kalifornien, von Küste zu Küste.

Insgesamt 13 Fahrer aus Deutschland, Belgien und Großbritannien sind bei der Tour dabei. Kugel ist der einzige Teilnehmer aus Bremen. So ganz ist seine Isabella auf das einmonatige Abenteuer noch nicht vorbereitet. Im Moment ist sie in der Inspektion, um fit für die Tour zu sein.

Mit einem Briten und einem Belgier

Kleine Anpassungen sind noch nötig bei einigen der Oldtimer. Sicherheitsgurte müssen nachgerüstet werden und Kopfstützen. Die gab es noch nicht, als Borgward die Autos in Bremen herstellte. Damit die 8000 Kilometer lange Strecke bequem verläuft, ließ Kugel außerdem die Sitze austauschen. „Natürlich haben sie dieselbe Farbe. Das fällt kaum auf.“

Seit etwa zwei Jahren plant Thilo Kugel die besondere Reise zusammen mit einem Briten und einem Belgier. Die Drei trafen sich 2015 auf dem „Borgward World Meeting“ in Bremen. Kugel schließt sich damals spontan den zwei Initiatoren der Route 66-Tour an.

Als sie hören, dass er in der Logistik arbeitet, ist schnell klar, welche Aufgabe er bekommt: die Überfahrt der Autos zu organisieren. „Das ist im Vergleich leider auch die größte Aufgabe“, sagt der Bremer. Als Niederlassungsleiter für den Bereich See- und Luftfahrt in Bremen beim Logistikunternehmen Dachser hat Kugel Erfahrung mit logistischen Herausforderungen.

"Alle Autos sollen gleichzeitig ankommen"

Die Fracht allerdings ist besonders. Zum Beispiel müssen die Hafenarbeiter vor Ort genau wissen, wie die Lenkradschaltung der Oldtimer überhaupt funktioniert. Für die Einfuhr und den Zoll muss alles genau dokumentiert werden, eine Fahrerlaubnis für die Oldtimer vorliegen. „Das ist ein riesiger Aufwand. Wir sind alle berufstätig. Im Prinzip machen wir das nachts.“

Am 22. August werden die sieben Autos aus Deutschland in Bremerhaven auf die Reise gebracht. „Dann weinen wir den Autos feierlich noch eine Träne nach“, sagt Kugel. 15 Tage dauert es, bis sie den Atlantik per Schiff überquert haben. Im belgischen Seebrügge stoßen noch die Borgwards der anderen Fahrer dazu. „Alle Autos sollen gleichzeitig ankommen, damit wir zusammen in New York starten können. So soll das sein.“

Von dort geht es Mitte September zunächst zu den Niagarafällen und weiter nach Chicago zum Anfangspunkt der legendären Strecke. Mitte Oktober will die Gruppe in Santa Barbara sein. Dort treffen sich dann die Liebhaber der Klassiker zum diesjährigen „Borgward World Meeting“. Kugel: „Da sind wir die Stargäste.“

Man kennt und hilft sich

Dass seine Isabella überhaupt starten kann, ist nicht selbstverständlich. Mehr als viereinhalb Jahre dauerte es, den Wagen aus dem Baujahr 1959 komplett zu restaurieren. „Der Wagen war nicht mehr fahrbereit.“ Doch die Isabella sei vollständig gewesen, das sei entscheidend. „Wie will man schließlich an Ersatzteile für ein Auto kommen, das seit 56 Jahren nicht mehr gebaut wird?“

Kugel baute seine Isabella bis auf die Einzelteile auseinander. In der Szene der Borgward-Liebhaber kennt man sich und hilft. Deshalb habe er seinen Oldtimer, der zwei Jahre älter ist als er selbst, nicht allein wieder zusammenbauen müssen. An die erste Fahrt mit dem Auto erinnert Kugel sich gar nicht mehr besonders, doch an den Moment, in dem der Motor nach mehr als 30 Jahren wieder lief.

„Das war beeindruckend. Er ist gleich beim ersten Mal angesprungen.“ Auf der Route 66 kommt die Isabella an den Ort zurück, der 30 Jahre ihre Heimat war: Kalifornien. Im sonnigen US-Staat habe das Auto wenig unter der Witterung gelitten, sagt Kugel. Der Oldtimer ist für ihn deshalb besonders wertvoll – ein Juwel eben.

Die Marke ist Kulturgut

Ab 1988 war der Wagen in Amerika zugelassen. Kugel hat sogar noch das kalifornische Nummernschild. Später kam das Coupé nach Europa zurück. Doch der Sammler, der es eigentlich restaurieren wollte, geriet in die Insolvenz und seine Isabella damit in die Konkursmasse. Schließlich kaufte Kugel den eleganten Borgward.

Die Marke ist für ihn Kulturgut. Ihm ist wichtig, dass auch jüngere Generationen sie schätzen. In einem Blog wollen die Teilnehmer der „Borgward goes USA“-Tour ihre Erlebnisse bis Santa Barbara festhalten. Es wird nicht die letzte große Tour für Kugels Isabella gewesen sein.

Laut Tacho sei sie 160.000 Kilometer gefahren. Da sei mindestens das Dreifache möglich, sagt er. „Absolut. Die Motoren sind sehr robust. Der Wagen hat noch ein langes Leben vor sich.“ An die Erstzulassung des Autos im April 1959 erinnert das Kennzeichen bis heute.

© WESER-KURIER digital

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-mit-der-isabella-auf-der-route-66-_arid,1621484.html